Dirk Dettmar
  Kunst sprengt die Mauern.
 
 


Dirk Dettmar

„Die Farbe ist erstens Qualität. Zweitens ist sie Gewicht, denn sie hat nicht nur einen Farbwert, sondern auch einen Helligkeitswert. Drittens ist sie auch noch Maß, denn sie hat außer den vorigen Werten noch ihre Grenzen, ihren Umfang, ihre Ausdehnung,
ihr Messbares.

Paul Klee, Vortrag Januar 1924

Farbe, Form, Geometrie und Licht, die Grundlagen der Malerei waren es nicht, die den Künstler und Werbetechniker Dirk Dettmar während seiner Haftzeit die auseinandersetzung mit der Kunst beginnen ließen. Motivierend wirkte in erster Linie sein Bedürfnis nach dem Ausagieren kreativer, konstruktiver Energien.
Gegen den erklärten Widerstand der Gefängnisbürokratie erstreitet er sich das Recht auf künstlerische Betätigung vor mehreren Gerichts-Instanzen. Räumliche Enge und Reglementierung der Haftsituation disziplinieren und beschränken zunächst die Wahl des Materials auf wesentliche Grundstoffe wie Ton, Tusche, Wasserfarben und Papier.
Wegweisend und inspirierend ist die Auseinandersetzung mit fernöstlicher Philosophie und dem Zen-Buddhismus. Sie fördert die Entstehung von altjapanischen „Netsuke“ (Handschmeichlern), ausgesprochen kleinen, filigranen Keramikplastiken, sowie Tierfiguren und Statuetten aus der buddhistischen Ikonografie.

Für die Kapelle der JVA in Celle fertigt er im Auftrag der Kirche keramische Wandbilder und einen mehrteiligen „Kreuzweg“ an. Während dieser Phase erhält er auch den Ingeborg Drewitz Literaturpreis für Gefangene, in dem er sich zusammen mit anderen Gefangenen mit dem Thema „Der Gewalt widerstehen“ befasst, und zeitgleich eine Reflektion mit seiner eigenen destruktiven Vergangenheit beginnt. 1998 heiraten er und seine langjährige ehrenamtliche Betreuerin im Gefängnis.
Er stellt sich freiwillig mehreren psychiatrischen Begutachtungen und macht eine Verhaltenstherapie.

Trotz eindeutiger und einhelliger Empfehlungen der beteiligten Gutachter und Therapeuten für eine als dringend notwendig angesehene Normalisierung der Haftsituation vollzieht die Justiz auch nach inzwischen 16 Jahren beanstandungsfreiem Verhalten und attestierter positiver Persönlichkeitsentwicklung weiterhin die Einzelhaft.

Mit der Verlegung 2001 in ein anderes Gefängnis und neuen Restriktionen wird die Arbeit mit Keramik unmöglich. Aus der Not eine Tugend machend entstehen erste kleinere, farbstarke Still-Leben mit Früchten, Gefäßen und Blumen in der Ölpastelltechnik, und Entwürfe für Hinterglasbilder. Aufmerksam geworden auf diese neuen Aktivitäten, erfolgt ein Auftrag der Gefängnisseelsorge für die dortige Kapelle. Es entstehen sechs jeweils annähernd quadratmetergroße Acryl-Hinterglasbilder.
Weiterhin werden die künstlerischen Aktivitäten seitens der Justiz nicht unterstützt, sondern behindert. Mehrfach wird dem Inhaftierten die Arbeitserlaubnis entzogen. Nur der Druck rechtskräftiger Gerichtsbeschlüsse gestattet es dem Künstler bisher, weiter zu arbeiten. Mit der ihm eigenen Beharrlichkeit erarbeitet der Autodidakt sich stattdessen nun die Möglichkeit der Malerei.

„Das Zustandekommen der ersten Motive war eher banal“, sagte er mir in einem Interview. „Ich bin seit fast zwanzig Jahren inhaftiert, davon die meiste Zeit- defacto bis heute- einzelisoliert. Die Isolation ist ein Gefängnis im Gefängnis, und unterbindet oder beschränkt und kontrolliert jeden Kontakt zur Außenwelt, inklusive den zu Mitgefangenen. Die damit zwangsläufig einhergehende Reduktion von Sinneseindrücken führte mich bei der Motivsuche auf meine unmittelbare Umgebung zurück. Die ersten und für mich greifbarsten Motive lieferte die Gefängnisküche, - ich habe also begonnen, Äpfel, Birnen und Paprikaschoten zu malen.“

Nach einer erneuten Verlegung in die JVA Sehnde bei Hannover, entwickelt der Künstler aus der Kombination von Ölpastellkreiden und Acrylmedien eine eigenständige Technik, die nun auch fotorealistische Ausdrucksformen zulässt. Der Umgang mit Formen und Sujets wird freier, die Formate ebenso wie der künstlerische und technische Anspruch der Bilder nehmen deutlich zu.

Inspirierend und stilbildend wirken hierbei die Fotos von Robert Mapplethorpe und David La Chapelle. Die Bilder entstehen auf grundiertem Spezialkarton oder MDF- Platten in lasierender Malweise. Die Farb-und Bildtiefe wird erreicht, indem er bis zu acht Farbaufträge in dünnen Schichten mit Zwischenfixierung übereinander legt. So entsteht nicht nur eine starke Transparenz sondern auch die besondere Leuchtkraft. Die Wirkung jedes einzelnen Bildes ist einzigartig.
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Auf meine Frage, was motiviert dich, diese Bilder zu malen, erwiderte er mir:“ Die Lust am Malen selbst. Die Entdeckung des Schönen im Profanen, bspw. bei den Äpfeln. Mich fasziniert die Möglichkeit der Darstellung von Dreidimensionalität und den Dingen innewohnender „Spannung“ mit so einfachen Mitteln. Das Erleben, wie sich Farben gegenseitig beeinflussen, in ihrer Bildwirkung steigern- und im positivsten Fall – den Betrachter unmittelbar ansprechen können, ist schon Motivation genug. Vermutlich würde ich die Bilder auch nur für mich selbst malen. Eigentlich sind es Überlebensbilder. Jedes mir gelungen erscheinende Bild gibt mir Kraft für ein Nächstes, für einen nächsten Tag.
Die Zeit und Energie, die ich der Auseinandersetzung mit einem Bildprojekt oder einer Plastik widme, ist selbstbestimmt und damit ein Stück der sonst allumfassenden Institution Gefängnis abgetrotzter innerer Freiheit.“

Neben der Fortführung der fotorealistischen, teils „verwischten“ Ölpastelltechnik entstehen seit Anfang 2007 auch Assemblagen mit die eigene Lebenssituation reflektierenden und gesellschaftskritischen Themen.

Die Bildserie „Typografie“ (zunächst I-IV) bsp. thematisiert symbolhaft das Verschwinden ästhetischer, bestimmten Regeln folgender Ausdrucksformen klassischer Typografie und die Beliebigkeit moderner Textgestaltung.

Die Assemblage „Global 2007“ steht für die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit im Strafvollzug. Erste kleinere Ausstellungen ab 2006 in Hamburg in der „Galerie im Haus“, der „Villa Basse“ in Leer und 2007 im Cafe Beys in Hamburg werden mit Hilfe von Freunden realisiert.

Alle genannten künstlerischen Aktivitäten, vollziehen sich nach wie vor unter den erschwerenden Bedingungen der Einzelisolation in Haft.
Eine unabhängige Expertenkommission und ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss stellten in ihren Berichten unabhängig voneinander fest, dass die seit 1987 praktizierte Einzelhaft des Künstlers Dirk Dettmar gegen die Menschenwürde verstößt.